Einmal nach Hamburg für ein 240 Kilometer Gravel-Event durch die Nacht. Das stand definitiv nicht auf meiner Liste für die Saison 2026. Als ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte zu kommen, war ich erst unsicher. Keine Climbs, oder höchstens ein paar Hügel. Eine ziemlich kurze Distanz, dafür aber ganz schön viel Reiseaufwand.
Aber irgendwas in mir meinte "Warum eigentlich nicht?" Die Grafiken und der Ton der Kommunikation haben mich sofort angesprochen. Fühlt sich total bodenständig und nah an der Community an. Keine schicky mickey Luxus-Girona-Vibes, sondern top organisiert UND mit ordentlich Herzblut.

Und dann noch das: Was viele nicht wissen, ich habe als kleines Kind tatsächlich in der Nähe von Hamburg gelebt, in einer Stadt namens Elmshorn. Also hatte ich sowieso schon Lust, diese wunderschöne Stadt mal wieder zu besuchen.
Entscheidung getroffen: Ein schönes Wochenende in Hamburg verbringen und ein paar neue Gesichter in unserer kleinen Cycling-Bubble kennenlernen.
Bike und Vorbereitung
Wer mich kennt, weiß: Ich kann einfach nicht zu einem Event auftauchen und nicht versuchen, alles zu geben. Ich liebe den ganzen Prozess drumherum, das Training, das Tüfteln am Setup, das Studieren einer Route, das Austüfteln der Nutrition-Strategie.
Am Ende bin ich die Night Shift Route gefahren. Sie soll ein Einstiegspunkt für Leute sein, die zum ersten Mal durch die Nacht fahren wollen. Eine machbare Strecke von etwas über 240 Kilometern, mit gut 1000 Höhenmetern, die im Grunde kleine Anstiege durch den Wald, über Deiche und sowas sind. Start war um 18:30 Uhr, kurz vor Sonnenuntergang.
Welches Bike, fragst du dich vielleicht? Mein geliebtes Cervélo Aspero-5, natürlich. Schnell und aero, aber mit genug Reifenfreiheit für steinige Waldwege und die flowigen Trails, die in die Route eingebaut waren. Keine Bags nötig dieses Mal. Ich hatte kalkuliert, dass ich in etwas über 8 Stunden durchkomme. Zum Glück hat niemand gecheckt, dass ich mit unveröffentlichten Reserve Wheels 48|53 GR Laufrädern und 45mm MAXXIS Reifen unterwegs war, aber ich hab jede Menge Komplimente für mein Bike bekommen. ;)
Also: zwei Flaschen und ein Hydration-Pack (ich teste aktuell einen Camelbak), ein paar Silca-Tools und eine elektrische Mini-Pumpe im Frame Compartment. Mehr brauchte es nicht. Ein BBB Signal Pro Rück- und ein 2100i Frontlicht, und natürlich mein treuer Coros Dura Bike-Computer rundeten das Setup ab. (Plus mein 7mesh Kit, Kask Nirvana Helm, Alba Optics Delta Brille, Quoc GT III Schuhe und ein paar VeloToze Pro Aero Socken.)
Im Grunde habe ich diese Fahrt behandelt wie eine lange, harte Zone-2-Session. Einfach mein normaler Trainingsplan, mit diesem Wochenende als extra Trainingsreiz vor dem Silkroad Mountain Race.

Hamburgs Backyard erkunden
Ich hab mir die Route natürlich vorher angeschaut und viele scharfe Kurven gesehen. Eine gute Mischung aus Offroad und Asphalt, rund 1000 Höhenmeter. Am Tag vor dem Event bin ich sogar entlang des Deichs aus Hamburg raus gefahren, für die Intervalle, die noch auf meinem Trainingsplan standen. Schneller Weg raus aus der Stadt. Flach und 40 km/h... ziemlich schnell.
Den Rest des Courses hab ich mir aber natürlich nicht angeschaut (haha!) und war ziemlich überrascht von einem echt technischen, aber flowigen Kurs mit richtig viel Singletrail. Ich war überrascht, wie viel dichten Wald, kleine Climbing-Rampen und flowige Singletrails diese Route zu bieten hatte. Ist ja Hamburg, also hab ich auch viel Wasser erwartet. Ich wusste, dass da überall Seen sind, aber wie nah man fast durchgehend am Wasser dran war, hat mich dann doch überrascht.
Verkehr war die ganze Zeit entspannt, und die Ausfahrt aus und Rückfahrt in die Stadt war kurz und angenehm.

Das... Rennen?
Ich bin mir nicht mal sicher, ob es überhaupt ein Rennen war. Im Gespräch mit Jan und Rasmus von den Organisatoren haben die es eher als ersten Touchpoint für Leute beschrieben, die durch die Nacht fahren wollen. Für alle, die neu im Bikepacking sind und noch etwas Respekt vor der Dunkelheit haben.
Und ich finde, das passt ziemlich gut: enge Kurven, dunkle Wälder, ein paar technische Passagen. Genau das Richtige. Eine Challenge, nicht zu einfach, aber auch keine brutale Odyssee, die sich wie ein Survival-Camp anfühlt. Die Vibe war also nicht wirklich Racing. Eine bunte und wunderbar vielfältige Truppe versammelte sich an der Startlinie, ein bisschen nervös, aber voller Vorfreude.
Der späte Start war ein echter Glücksfall. Normalerweise bin ich kein Fan von Nachtstarts, aber genauso wenig von super frühen Morgenstunden. Start um 19:00 Uhr abends hieß: der brutalen Hitzewelle entkommen, die Hamburg an diesem Juniwochenende geplagt hat. Und da wir so kurz vor der Sommersonnenwende waren, war die Dunkelheit sowieso begrenzt. Wir hatten Licht bis nach 22:00 Uhr, und als ich gegen 04:00 Uhr ins Ziel kam, war die Dämmerung schon wieder im Anmarsch.
Ach, damit hab ich vermutlich schon einen Teil der Story verraten. Mein Plan war, die Route in etwa 8 Stunden zu fahren, für eine schöne, lange und harte Endurance-Session. Passte gut zu meinem Trainingsplan.
Wobei, wenn du mit Xert trainierst, ist dein Zone-2-Zielwert schon ein bisschen absurd. Das Event ist in Wellen gestartet, je nach Zielzeit der Teilnehmer. Meine war die schnellste, ich bin von einem Schnitt von 30 km/h ausgegangen. Fünf andere Fahrer sind mit mir in der ersten Welle gestartet. Weiße Aero-Socken, Skinsuits und Trinkwesten schienen der Dresscode zu sein. Mich eingeschlossen, lol.
Für rund 30 Kilometer hingen die anderen in meinem Windschatten. Ich bin kein großer Fan davon, Leute direkt im Nacken zu haben, aber ich will den anderen auch ihr kleines Rennen nicht vermiesen. Schon bald, an einem kleinen Anstieg gefolgt von Singletrail, war ich allein. Ab da hatte ich den Wald für mich.
Ein paar "interessante" Abschnitte haben uns über ein ziemlich riesiges Loch auf einer Baustelle geführt, durch dichte Brennnesselbüsche und dornige Pfade gejagt, über umgestürzte Bäume klettern lassen und an einem verdächtig hohen Zaun vorbei, der ein paar selten genutzte Muskeln reaktiviert hat.
Die Organisatoren und das Crew-Team warteten bei Kilometer 60 in einem netten kleinen Ort mit holprigem Kopfsteinpflaster und haben ein paar Fotos gemacht. Danach hab ich keine Menschenseele mehr gesehen. Einmal angehalten habe ich an einem Automaten für einen halben Liter Cola, in Sekunden weggekippt, und weiter ging's.
Es war schön. So eine gute Route, so angenehme Temperaturen sogar nachts, und ein Kurs, der mich so gefordert hat, dass mir nie langweilig wurde. Ich kam nie in Versuchung Musik zu hören, geschweige denn einzuschlafen.
Die Ankunft, während die Sonne langsam am Horizont grüßte, war einfach das Sahnehäubchen.

Finish Line Vibes
Am Ziel angekommen war ich überrascht, mitten in der Nacht Leute auf mich warten zu sehen.
"Wir haben aufs Tracking geschaut und uns gefragt: wie? Der kommt ja vor Sonnenaufgang an!" Ich hab tatsächlich etwas Gas rausgenommen, damit sie mehr Zeit hatten. ;)
Fun Fact: Ich musste umdrehen und noch mal einrollen für die Champagner-Dusche. (Eigentlich war's der günstigere deutsche Sekt, aber wer will schon Champagner.)
Es war eine super lustige und warme Atmosphäre. Ein paar Jungs waren auch gerade mit dem 700km Ultra fertig geworden, der einen Tag vorher gestartet war. Wir haben uns nett unterhalten, bevor alle ins Bett sind. Ich bin tatsächlich noch zweimal zurückgekommen, um mit Leuten zu quatschen und den entspannten Vibe des Events zu genießen.
Später hab ich erfahren, dass die zweitplatzierte Finisherin Cemile Trommer war. Kaum langsamer als ich, was für eine Fahrt! Drinks und Snacks waren organisiert, und die Location war einfach top.
Alles in allem kann man sagen: Es stand definitiv nicht auf meinem Kalender, und ich muss Van Rysel und Fusion Media danken für die Einladung. Ich hab ein wunderschönes Event entdeckt, das gleich weit oben auf meiner Liste der Wunsch-Events gelandet ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, ich komme zurück, um die schönen Menschen von Hamburg's Backyard wiederzusehen.

